Der Product Owner in der Auftragsentwicklung

Die Durchführung von Auftragsentwicklungen nach Scrum wirft eine zentrale Frage auf: Wird die Rolle des Product Owners (PO) durch den Kunden oder durch den Lieferanten wahrgenommen?

Nach Scrum gibt es nur zwei Möglichkeiten. Entweder die Rolle des PO wird durch den Auftragnehmer (Lieferant), oder den Auftraggeber (Kunde) übernommen. Scrum erlaubt es nicht, die Rolle auf mehrere Personen zu verteilen. Also müssen wir uns entscheiden.

Ich bin davon überzeugt, dass die Rolle des PO idealerweise durch den Kunden übernommen werden sollte. Auf Seite des Kunden ist er näher am zu lösenden Problem. Er hat besseren Zugang zu spezifischen Domainwissen, kann sich schneller mit den Stakeholdern abstimmen und so die Produktivision schärfen und den Wert mit möglichst wenig Reibungsverlusten maximieren.

Leider ist die aktive und verantwortungsvolle Übernahme der Rolle des Owner Rolle durch den Kunden in der Praxis aus verschiedenen Gründen oft mangelhaft und problematisch.

In diesem Artikel schreibe ich meine persönliche Sicht wann der PO vom Kunden gestellt werden kann, oder vielleicht doch besser durch den Lieferanten übernommen werden sollte.

Das Übernehmen der Verantwortung ist entscheidend.

Das wesentliche der PO Rolle ist die Übernahme von Verantwortung für die Wertmaximierung. Es geht nicht so sehr um die Ausführung der täglichen Arbeiten die ein PO übernimmt, denn die könnte er theoretisch auch an das Development Team übergeben. Es geht um das Bewusstsein für die Bedeutung seiner Arbeit. Dafür, dass das Schärfen der Produktvision und deren Kommunikation genauso wichtig ist wie die Einbindung der Stakeholder und das Schreiben von verständlichen User Stories. Dafür das er als Ansprechpartner zur Verfügung stehen muss und seine Entscheidungen die Richtung der Entwicklung vorgeben. Es geht darum sich dieser Verantwortung bewusst zu werden und zu akzeptieren. Es geht um das Commitment des POs, also auch die notwendige Zeit dafür zu investieren.

In einer klassischen Auftragsentwicklung ist dieses Bewusstsein für die Verantwortung, und der Wille diese auch zu übernehmen, häufig nicht so stark ausgeprägt. Schließlich beauftragt man den Dienstleister ja genau dafür. Meint man Scrum und seine Rollen aber wirklich Ernst, dann sind zwei Fragen entscheidend:

  1. Wer will die Verantwortung übernehmen?
  2. Wer kann ich die Verantwortung übernehmen?

Ich setze voraus, dass alle Fragen durch den Lieferanten in seinem Selbstverständnis als Dienstleister von agiler Softwareentwicklung mit einem klaren “Ja” beantwortet werden können, und ein Auftraggeber darin auch ausreichend Vertrauen fassen kann. Damit richtet sich diese Frage primär an den Kunden. Will und kann er das?

Will der Kunde die Verantwortung?

Kunden beauftragen einen Dienstleister mit der Erstellung eines Produkts nach ihren Vorstellungen. Zu dieser Dienstleistung gehören aus Sicht des Kunden mindestens zwei Punkte:

  1. Das die Arbeit qualitativ einwandfrei durchgeführt wird und
  2. Das das Ergebnis die Bedürfnisse des Kunden (Funktion, Budget, Zeitplan) bestmöglich erfüllt.

Das sind valide Erwartungen. Kunden begrüßen es aus meiner Erfahrung in die Entwicklung eingebunden zu werden. Leider gehört die Übernahme von Verantwortung nur sehr bedingt dazu. Ich glaube, der Grund dafür liegt oft in dem fehlenden Verständnis von agiler Entwicklung.

Ich habe häufig erlebt, dass die Verantwortung in nahezu allen Fällen faktisch bei dem Lieferanten gesehen wird. In Teilen wird die Verantwortung von dem Lieferanten in seiner Rolle als Dienstleister ohnehin übernommen. Häufig manifestiert sich das Gefälle von Verantwortung zwischen Kunden und Lieferanten auch im Werksvertrag.

Letztlich ist aber egal aus welchem Grund ein Kunde die Verantwortung für die Wertmaximierung nicht selber übernehmen will. Er tut es nicht. Und damit bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Lieferant übernimmt die Verantwortung, oder er lehnt die Beauftragung ab. Wenn er die Verantwortung übernimmt, dann füllt er auch die Rolle des Produkt Owner aus.

Darf der Kunde die Verantwortung übernehmen?

Selbst wenn es auf der Seite des Kunden eine Person gibt, die sämtliche Anforderungen für die PO Rolle erfüllt, kann es sein, dass diese Person die Rolle nicht ausüben kann, da sie nicht darf. 
Sie darf nicht, weil ihr die notwendige Entscheidungskompetenz fehlt, um Entscheidungen alleinverantwortlich fällen zu dürfen. Der designierte PO ist nicht bevollmächtigt. Ein klassisches Problem und ein kritischer Punkt, der die praktische Übernahme von Verantwortung mindestens stark behindert, wenn nicht gar verhindert.

Beherrscht er sein Handwerk?

Hier geht es um die tägliche Arbeit eines PO. Es geht um das Entwickeln der Produktvision. Es geht um deren Kommunikation und das Schreiben von User Stories und die Pflege des Backlogs. Erfüllt der PO diese notwenige Arbeit in einem Maß, welches mich als Lieferanten in die Lage versetzt ein maximal wertvolles Produkt zu erstellen? Beherrscht die Person sein Handwerk? Traue ich dem Kunden das zu?

Tatsächlich ist diese Frage nicht entscheidend für die Rolle des Product Owner, da er diese Aufgaben auch an andere Personen delegieren kann. Aber um letztlich die Verantwortung für diese Arbeiten zu übernehmen, muss der PO diese Handwerk IMO auch selber beherrschen.

Hat der Kunde seine Rolle als PO wirklich verstanden?

Der PO übernimmt die Verantwortung für die Wertmaximierung. Wertmaximierung bedeutet, das die anfänglich gesetzten Erwartungen in Qualität, Budget, Funktionalität und Zeitplan optimal erfüllt werden.

Es geht darum zu verstehen, das es nicht alleinig das Entwicklungsteam des Lieferanten ist, welches dafür die Verantwortung trägt, sondern der PO durch sein Handeln maßgeblich die Weichen für den Erfolg stellt.

Ein Beispiel. Wer ist verantwortlich für die Qualität des Produkts? Natürlich, so könnte man denken, ist der Lieferant für die Qualität verantwortlich. Aber ist das wirklich so?

Ja und Nein. Ja, weil der Lieferant in seinem eigenen Interesse ein Mindestmaß an Qualität liefern sollte, und dieses Maß mindestens vor dem Hintergrund der drohenden Gewährleistung nicht unterschreiten sollte. Nein, weil oberhalb dieses Mindestmaß die Qualität natürlich variabel ist und durch andere Faktoren beeinflusst wird.

Projekt-Management Dreieck

Das Bild zeigt das magische Dreieck des Projektmanagement. Dieses besagt, das nur maximal zwei der drei Eckpunkte fest sein dürfen und sich eine gewünschte Qualität nur über die Variabilität der dritte freien Größe ergibt.

Kosten und Zeitplan sind in den allermeisten Fällen durch den Kunden begrenzt. Damit bleibt die Funktion als letzte Stellschraube, über die sich die Qualität der Arbeit steuern lässt. Zuviel Funktion geht zu Lasten der Qualität.

Die Verantwortung für die Qualität ist damit eng mit der Auswahl der umzusetzenden Funktion verbunden. Und diese Auswahl und Kommunikation des gewünschten Verhaltens sind unbestritten Aufgaben des PO.

Dieser Bedingungen und dem Wirken seines Handelns muss sich der PO bewusst sein.

Fazit

In einer idealen Welt liegt die Rolle des PO beim Kunden, denn dieser sollte die Wertmaximierung seines Produkts naturgemäß am besten umsetzen können, da er seine eigenen Anforderungen am genausten kennt.

Wenn aber eine der oben genannten Fragen mit “Nein” beantwortet wird, ist das aus meiner Erfahrung ein sehr starkes Indiz dafür, dass die Rolle des Product Owners bei dem Lieferanten liegen sollte. Sehr wahrscheinlich sieht der Kunde die Verantwortung ohnehin bei dem Lieferanten in seiner Rolle als Dienstleister. In diesem Fall glaube ich, dass es im Interesse des Lieferanten liegt hier kein Risiko einzugehen und dem Kunden anzubieten die Rolle durch den Lieferanten auszuführen.

Es sollte das Ziel des Lieferanten sein, den Kunden in die Lage zu versetzen die Rolle des PO so bald wie möglich vollumfänglich ausfüllen zu können. Hierfür tritt er als “Agile Mentor” auf. Solange bis der Kunde auch die Verantwortung übernehmen kann.
Um beim Kunden einen zusätzlichen monetären Anreiz zu schaffen, mehr und mehr Aufgaben selber zu übernehmen, kann es sinnvoll sein die Arbeit eines PO auf der Seite des Lieferanten nach Aufwand abzurechnen.

Aber selbst wenn alle Fragen mit “Ja” beantwortet werden können, wird der Auftragnehmer implizit immer beobachten, wie der kundenseitige Product Owner seine Aufgabe durchführt und ggf. einschreiten, wenn User Stories nicht klar sind, der PO nicht ansprechbar ist, oder die Vision nicht klar benennen kann. Der Dienstleister kann sich einem Teil der Verantwortung IMO gar nicht entziehen. In der Regel sollten diese Aufgabe aber dann durch das Entwicklungsteam und dem Scrum Master ausgeführt werden können.

Die Übernahme von Verantwortung hat viel mit Vertrauen zu tun. Traue ich jemanden zu diese zu übernehmen, und kann ich als Verantwortlicher auf dieses Vertrauen zählen? Um dieses Vertrauen herzustellen kann es sinnvoll sein im Vorfeld einen Workshop durchzuführen, um die oben genannten Fragen zu erörtern und das Vertrauen auf beiden Seiten herzustellen.

Schreibe einen Kommentar